Opfersteg zum Strietbarg

Der Sittenser Opfersteg nach 1907 noch mit dem alten schmiedeeisernen Geländer (Archiv Heimatverein der Börde Sittensen).

Opfersteg zum Strietbarg

 

                             

Der Opfersteg ist ein historischer Übergang über die Oste. Seine Lage ist kein Zufall: Seit Jahrtausenden treffen hier Siedlung, Recht und Religion aufeinander.

Hier, unweit des Strietbargs, bestand sehr wahrscheinlich schon in vorgeschichtlicher Zeit eine Furt über die Oste. Urnenfunde auf beiden Seiten des Osteufers belegen die frühe Besiedlung. Von hier führt ein Weg hinauf auf den Berg, der in altsächsischer Zeit vermutlich als Gerichts- und Versammlungsplatz diente.

 

Der Strietbarg – Ort von Recht und Versammlung

Der Name „Strietbarg“ („Streitberg“) weist darauf hin, dass hier Streit geschlichtet und Recht gesprochen wurde. Solche Gerichts- und Versammlungsplätze lagen häufig auf Anhöhen und hatten in vorchristlicher Zeit nicht nur eine politische, sondern auch eine religiöse Bedeutung.

Rechtsprechung war ein öffentlicher und zugleich sakraler Akt, bei dem Gemeinschaft, Ordnung und Glaube eng miteinander verbunden waren.


Bedeutung des Namens „Opfersteg“

Der Name „Opfersteg“ deutet darauf hin, dass dieser Weg mehr war als ein reiner Fußgängerweg. Wahrscheinlich bezeichnete er ursprünglich den Zugang zu einem heidnischen Kult- und Opferplatz auf der Anhöhe über der Oste. Opferhandlungen gehörten in vorchristlicher Zeit zur religiösen Praxis solcher zentralen Orte. Deshalb ist nicht auszuschließen, dass hier zur Zeit der Altsachsen Tieropfer wie Rinder, Schweine oder Schafe, daneben Naturalgaben wie Getreide, Brot, Bier oder Met sowie gelegentlich wertvolle Gegenstände dargebracht wurden, um Rechtsprechung, Gemeinschaft und göttliche Ordnung miteinander zu verbinden.

Mit der Zwangschristianisierung wurde dieser bedeutende Platz bewusst weitergenutzt: Der Gerichtsplatz der Sachsen auf dem Strietbarg musste für die St.-Dionysius-Kirche weichen. Der alte Steg behielt seinen Namen, auch wenn sich seine religiöse Bedeutung wandelte. Der Opfersteg führte nun zum christlichen Gotteshaus, während die Erinnerungen an die vorchristlichen Ursprünge allmählich verblassten aber im Namen „Opfersteg“ erhalten blieben.




Opfersteg von der Kirche aus gesehen (Archiv Handwerkermuseum Sittensen).

Nutzung und Verantwortung in neuerer Zeit

Auch in der Neuzeit blieb der Opfersteg von großer Bedeutung für die Region. Als wichtiger Fußgängerübergang über die Oste war er für zahlreiche Einwohner unverzichtbar – und Anlass für einen langjährigen Streit um seine Unterhaltung.


Der Brückenstreit von 1858 bis 1868

Nach dem Wege-Gesetz von 1858 wurden die Dörfer – Tiste, Kalbe, Lengenbostel und Freetz – sowie die im Klosterhörn wohnenden Sittenser aus Groß Sittensen zum Unterhalt der Fußgängerbrücke über die Oste verpflichtet.

Die Verpflichteten weigerten sich jedoch, dieser Pflicht nachzukommen. Sie vertraten die Auffassung, dass die Brücke nicht nur von ihnen, sondern von allen genutzt werde und deshalb von der Gemeinde Groß Sittensen zu unterhalten sei.

Im Jahr 1868 entschied das Amt Zeven zugunsten dieser Auffassung: Die Brückenpflicht wurde der Gemeinde Groß Sittensen auferlegt, verbunden mit der Anordnung, die Brücke unverzüglich instand zu setzen.


Ein Ort mit langer Kontinuität

Der Opfersteg über die Oste verbindet bis heute das Dorf mit dem Strietbarg und der Kirche. Er steht für eine außergewöhnliche historische Kontinuität – von der vorgeschichtlichen Furt über den heidnischen Kult- und Gerichtsplatz bis hin zur christlichen Kirche in unserer Zeit.