Der Schafstall im Häsen
Historischer Schafstall im Häsen
Ein Zeugnis der Heidschnuckenlandschaft
Im 19. Jahrhundert war die Haltung von Heidschnucken ein bedeutender wirtschaftlicher Faktor in der Börde Sittensen. Die riesigen Heideflächen südlich des Ortes – bis nach Appel und Hamersen – wurden über lange Zeit mit Schnucken beweidet. Dies geschah hier länger als in vielen anderen Regionen der Nordheide.
Die Schafe nutzten karge Böden wie Heideflächen und Brachland. Wichtig waren sie als Lieferanten von Wolle und vor allem von Dung, der für die Verbesserung der sandigen Böden unverzichtbar war. Schafställe dienten daher nicht nur dem nächtlichen Schutz der Tiere – besonders vor Wolfsrissen –, sondern vor allem als Düngersammelstätten. Die Bedeutung der Schafhaltung zeigt sich auch in den bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts belegten großen Schafmärkten in Sittensen.
Mit der Einführung von Kunstdünger und dem sinkenden Interesse an der minderwertigen Heidschnucken-Wolle verlor die Schafhaltung an wirtschaftlicher Bedeutung.
Außenschafstall und Gemeinheitsteilung
Bis zur Gemeinheitsteilung Mitte des 19. Jahrhunderts lagen Schafställe meist auf den Höfen oder zusammen am Dorfrand. Nach der Aufteilung und Privatisierung der ehemals gemeinschaftlichen Heideflächen wurden viele Ställe versetzt oder außerhalb neu errichtet. Der hier stehende Schafstall ist ein typischer Außenschafstall: Er stand auf den nun eigenen Flächen des Bauern und diente der nächtlichen Unterbringung der tagsüber weidenden Tiere.

Bauweise und Besonderheiten
Der Stall ist in Zwei-Ständer-Bauweise mit beidseitiger Kübbung errichtet. Bemerkenswert sind vier altertümlichen Merkmale:
- Die Fächer der Wände bestehen aus geflochtenen und mit Lehm beworfenen Feldern – eine Bauweise, die fast nirgendwo mehr erhalten ist. Grund für den Erhalt der Lehmfächer hier war ein genialer Schutz: Die Wände waren mit Langstroh verkleidet, das durch aufgenagelte Latten gehalten wurde. So wurde schädliches Spritzwasser ferngehalten – der größte Feind von Lehmausfachungen.
- Dösselfuß aus einem Findling: Dies ist der einzige Stall, der (für die sich nach außen öffnenden Tore) einen aus einem Findling herausgearbeiteten Fuß für den Dössel (herausnehmbarer Pfosten) des Tores hat. Dieser Findling ermöglicht ein leichtes Entfernen des Dössels für den Torverschluss, anders als die sonst üblichen provisorischen Holzkonstruktionen.
- Eine kleine Schäfertür in der Längswand, die notwendig war, wenn der Schäfer das große Tor von innen geschlossen hatte und den Stall verlassen wollte.
- Eine ins Reetdach eingeschnittene Luke über dem Tor, durch die der Dachboden mit Einstreu und Winterfutter beschickt wurde.

Erhaltung und Restaurierung
Der Schafstall gehörte ursprünglich zu „Harm Müllers Huus“ in Klein Sittensen und wurde 1993 von der Gemeinde Sittensen erworben. Er wurde aufwendig restauriert und unter anderem mit einem neuen Weichdach versehen.
Heute zählt der Stall zu den schönsten und authentischsten Schafställen der Region. Von einst rund 300 dokumentierten Schafställen wurde er aufgrund seiner besonderen Lage, Bauweise und Erhaltung sogar als Titelbild einer Fachpublikation ausgewählt.
Nur wenige Dörfer verfügen noch über so gut erhaltene historische Schafställe – und noch seltener stehen sie wie dieser am alten Ort.
