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Geschichte des Gutes, der Burg und des Schlosses in Vierden

von Hartmut Vollmer

Weg

Seit vielen Jahren werden in den Dörfern der Börde Sittensen Neubaugebiete ausgewiesen. Diese Neubaugebiete müssen selbstverständlich auch mit neuen Straßennamen versehen werden, mit Namen, die bisher noch nicht vergeben wurden. In Vierden heißt ein Neubaugebiet „Am Schloss“.

Für Außenstehende ist dies sicher ein Name, der überhaupt keinen Bezug zur Realität zu haben scheint; denn weit und breit sieht man kein Schloss oder ein schlossähnliches Gebäude oder Ruinen davon. Der aufmerksame Beobachter wird jedoch registrieren, dass es unmittelbar anschließend an dieses Neubaugebiet in südöstlicher Richtung eine zwar unauffällige, jedoch prägnannte Geländeerhebung gibt, die über dem Niveau der Dorfstraße liegt.

Diese „Wurt“(ostfriesisch) oder „Warft“(Halligen) -ähnliche Erhebung, - ist nicht natürlichen Ursprungs – denn das umgebende Gelände fällt sehr gleichmäßig zum Vorfluter der Ramme hin ab - , sondern diese Erhebung wurde sehr wahrscheinlich von Menschenhand angelegt. Wir können heute mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass dies die Vorfahren der Schulten von der Lüh waren, die hier in der Börde Sittensen Jahrhunderte lang die Geschehnisse entscheidend mitgeprägt haben.

Die erste urkundliche Erwähnung Vierdens, den ersten schriftlichen Nachweis also von der Existenz des Dorfes Vierden finden wir in der ältesten Bischofsurkunde von Verden, die Bischof Wigger von Verden in der Zeit zwischen 1015 und 1028 n. Chr. hat niederschreiben lassen. In dieser Urkunde wird neben homerusun ( Hamersen), aquilonari mikilanstidi (Nord-Klein-Meckelsen) auch firina (Vierden) genannt.

SchaukastenDie nächste schriftliche Dokumentation von Vierden findet sich in den Verdener Geschichtsquellen von Wilhelm von Hodenberg. Diese bezeugt, dass um das Jahr 1270 verschiedene Dörfer ihren Zehnten an den Haupthof in Sittensen liefern mussten. Zitat: Domus villicationis in Tzittenhußen (Villikationen = Haupthof oder Meier- Hof) Item decimam in Ramme (= Ramshausen), Nuttlo (= Nüttel), Viren (= Vierden) Zitatende.

Eine andere frühe Quelle stammt aus dem Jahre 1335, ist also gut 300 Jahre jünger als die erstgenannte Verdener Bischofsurkunde. Hierbei handelt es sich um ein Güterverzeichnis des Neuen Klosters bei Buxtehude. Dieses Güterverzeichnis ist ein Register, in dem die Güter und Einkünfte der Kirche – des Klosters – zusammengefasst wurden. Zitat:“Wir besitzen den Zehnten des gesamten Ortes Vierden (per totam villam Viren) Zitatende.

In diesem Güterverzeichnis ist nicht die Rede von einem Gut in Vierden. Das wird erst erwähnt in dem Buch „Geschichte der v. Schulte, Seite 460 ff.“ Dort ist zu lesen: „Als nun dieser Harmen Schulte ohne Erben verstorben / haben seine vorgenanndte Vättern und Erben / das Lehen von dem Hause Lüneburg bekommen. (Harmen Schulte wird in dieser Quelle auch mit „Herr Herman Schulte“ bezeichnet).... Von seinem Bruder (Harmens oder Hermans) Bertholdo Schulten stammen her / wie man glaubt / die Schulten / welche in folgenden Zeiten / als das Schloß zu Horneburg verstöret / ihren Sitz zum Daudiek und Vierden genommen.“ ( Zitatende)

Das bedeutet, dass zu dieser Zeit – Zitat:“Harmen Schulte verkaufft das Gut Bötersen an Arp von Weye und machet Anno 1358 – (hier ist die genannte Jahreszahl wichtig) – einen Tausch-Contract mit den Hertzögen von Lüneburg (Zitatende), dass zu dieser Zeit in Vierden schon eine Burg, ein Gut, ein Haupthof oder ein Herrenhof vorhanden gewesen sein muss, denn sonst hätten die Schulteschen Erben nicht ihren Sitz in Vierden nehmen können.

Weitere Zitate aus o.g. Quelle:

Im Jahre 1498 ordnete der Bremer Erzbischof Johann Rhode die Anfertigung des Vörder Registers an. Dies geschah im Zeitraum von 1500 bis 1510. Dies „Registrum Bonorum et Jurium Castri Vorde“ stellt ein amtliches Lagerbuch dar, in dem die „Weltliche Hoheit und Gerichtsbarkeit“ im Stifte Bremen und die zu den Gütern des Erzbischofs gehörigen Regularien (=Hoheitsrechte), das waren Forsten, Zehnten, usw. in der Vogtei Bremervörde aufgeführt wurden.

In diesem sog. Vörder Register wird u.a. von einer Belagerung des Bergfriedes in Vierden (eenen Barchfrede to vyren) berichtet, der Gerlich oder Gerlach Schulten gehörte. Die Leute des Erzbischofs Johann Rhode zu Bremen belagerten die Burg in Vierden, steckten sie in Brand und nahmen Gerlich oder Gerlach Schulten gefangen, weil er den Handel der Städte Buxtehude und Stade empfindlich geschädigt hatte.

Ende des 15. Jahrhunderts zweigte sich von der Hauptlinie der Schulten auf Horneburg eine Nebenlinie ab, die in Vierden ansässig wurde. Sie war zeitweilig im Besitz der beiden Güter Vierden und Bockhorst in der Börde Elsdorf. Das Gut in Vierden soll in noch früheren Zeiten von einem Bischof bewohnt gewesen sein. Ebenso soll sich dort vor der Reformation (wir erinnern uns an den Thesenanschlag Luthers im Jahre 1517) eine kleine Kapelle befunden haben, jedoch sind darüber zwar keine Urkunden vorhanden, dennoch wird darüber in verschiedenen Quellen berichtet.

Diese kleine Kapelle bekam im Volksmund den Namen „zur heiligen Seel“. Hier wurde viermal im Jahr gepredigt, den alten Leuten das Abendmahl gegeben und sogar für das Vieh Messe gelesen. (Zitat): So ein Vieh gestorben, hat man den Claven oder Sohl, darinnen es gestanden, dahingebracht und zum Gedächtnis, wie an etlichen Orten die Kräntze , so auf der Leiche geführt werden, aufgehänget, welches auch woll itzo aus Grauenvollen Aberglauben geschieht, und moynen die Leute, dass die Capelle eben von solchen Sohlen den Namen erhalten und hl. Seel genannt worden. (Zitatende)

Vierden bestand um 1500 aus sechs Bauhöfen (Vollhöfen) und dem Gut, das den Schulten gehörte. Als Besitzer des Gutes Vierden ist uns namentlich als erster Garlich Schulte überliefert. Dieser hatte als erster Schulte außerhalb von Horneburg sein Haus zu einer gut befestigten Burg ausgebaut, hatte tiefe und breite Wassergräben ausheben lassen und einen Bergfried errichtet. Sein Nachfolger wurde Gerlach Schulte, der Probleme mit dem Erzbischof Johann Rhode bekam. Wilhelm Vieths spricht in seinen „Daten und Kommentaren zur Geschichte der Börde Sittensen“ in diesem Zusammenhang von einem „Krieg in Vierden“ – allerdings in Anführungsstrichen.

Doch vorweg eine Bemerkung zur Schreibweise und sicheren Identifikation der Schulten Vornamen: Es hat im Laufe der Jahrhunderte viele männliche Nachkommen der großen Schulten-Familie mit oft gleichen oder ganz ähnlichen Vornamen gegeben. Aus diesem Grunde ist es den seinerzeitigen Chronisten wahrscheinlich nicht immer gelungen, die Namen den Ereignissen oder umgekehrt hundertprozentig zuzuordnen, zumal es keine eindeutig festgelegten Rechtschreibregeln gab. Zum anderen wurden viele Berichte nach Diktat, nach Gehör, vielleicht auch nur nach dem Hörensagen mit all den Ungenauigkeiten und unter Umständen kleinen Fehlern, die dabei auftreten konnten, aufgeschrieben.

Man muss sich die damalige Situation eines Krieges in Vierden aus heutiger Sicht wohl etwa so vorstellen: Gerlach Schulte war wahrscheinlig jahrelang wegen der Nähe der beiden wichtigen Handelswege nach Buxtehude/Bardowiek bzw. Stade, – der Weg nach Stade führte sogar durch Vierden – zum Raubritter geworden, denn ( Zitat) „er hatte sich als Raubritter betätigt und den Handel zwischen den Städten Hamburg, Stade und Bardowiek empfindlich gestört, d.h. er hatte die Kaufleute ausgeraubt (Zitatende): Da Gerlach Schulte der Aufforderung des Erzbischofs, die Räubereien zu unterlassen, nicht nachkam, warf dieser ihm den Fehdehandschuh hin, er erklärte ihm also den Krieg. Einer Sage zufolge soll Gerlach von der bevorstehenden Belagerung der Burg Vierden Wind bekommen haben, so dass er zu einer vermeintlichen List griff. Er ließ seinen Pferden die Hufeisen um 180° gedreht befestigen, so dass die Leute des Erzbischofs annehmen sollten, er habe die Burg mit einigen Männern und Pferden verlassen. Darauf fielen die Belagerer offensichtlich nicht herein, und es kam zu der weitgehenden Zerstörung der Burganlagen und der Festnahme Gerlachs. Laut Vörder Register geschah dies am 10. August 1508. Gerlach Schulte wurde wenig später wieder freigelassen, nachdem er Besserung gelobt hatte. Außerdem war er ein Dienstmann des Erzbischofs.

Ein weiteres, interessantes und positiv hervorzuhebendes Datum im Zusammenhang der Schulten und des Gutes, der Burg Vierden ist das Jahr 1663. Detlev Schulte hatte sich 1660 mit Maria von Reden verheiratet. Diese beiden gründeten drei Jahre später die zweite Schule im Kirchspiel Sittensen. Dazu befindet sich im „Corpus Bonorum“ (=Lagerbuch) der Kirche zu Sittensen ein ausführlicher Text, der erst 1791 aufgestellt worden ist. Auf Seite 186 und auf den folgenden ist unter „IV Das übrige Dienstwesen, des Cleri minoris“ zu lesen (Zitat) :

C Der Kirchspiel Schulmeister zu Vierden

Im Jahre 1849 gab es Verhandlungen zwischen der Gutsherrschaft und der Gemeinde Vierden. Das Ergebnis sah vor: (Zitat) ... dieselbe hat die Unterhaltung der Schule und des Schulhauses unter der Bedingung übernommen, dass ihr das Schulhaus mit allen Ländereien und Wiesen, sowie des Holzes auf den Schulgründen ... und des Kapitals Von 500 Thaler Courant der Schule und dem Schuldienste für alle Zeiten verbleiben (Zitatende). Das ist der Grundherrschaft sicher leicht gefallen, denn schon im Jahre 1855 war das Schulhaus so baufällig geworden, dass die Gemeinde ein neues bauen musste.

Bisher haben wir immer nur von dem Gut Vierden, der Burg Vierden, dem Gutshof Vierden gehört, aber nicht von einem Schloss Vierden. In den „Beyträgen zur Erläuterung der älteren und neueren Geschichte der Herzogthümer Bremen und Verden von H. Schlichthorst Hannover 1796“ finden wir etwas zur Beschreibung des Schlosses Vierden und dies wird auch in der Vierdener Schulchronik aufgegriffen: ( Zitat) Schlichthorst schreibt in seinen Beyträgen über die Burg Vierden ( 1796): „...das Schloß ist mit einem Wall und einer dicken Mauer umgeben gewesen, wovon man die Überbleibsel noch sehen kann. ( Weiter mit Zitat aus Schulchronik) Nun sind schon 200 Jahre verflossen seitdem ein ordentliches Wohnhaus auf dem Hofe aufgeführet ist. Nachmals kam das Gut ganz herunter. Die Meyer, Wiesen ( und) Holzungen waren versetzt und verprasst und das übrige Corpus bonorum hatten die Creditoren fast 80 Jahre nacheinander, so lange ein wegen dieses Gutes entstandener Prozeß dauerte, zu sich genommen. .. Schließlich kaufte der Landrath Caspar Schulte zu Burgsittensen ( geb. 1667; 5. Jan. gest.1731) den Hof, wohin schon alle Meyer, bis auf einen einzigen und alle Wiesen gehörten, ließ das Wohnhaus, wahrscheinlich weil es ganz verfallen war, abbrechen, und an dessen Statt ein großes Vorwerk und eine Große Scheuer wieder aufbauen. In neuern Zeiten ist ein Wohnhaus wieder gebauet, welches als ein Witwensitz von Burgsittensen anzusehen ist...( Zitatende).

Mit diesen Ausführungen in der Vierdener Schulchronik deutet sich der Niedergang des Schulteschen Besitzes an. Alexander von Schulte hatte 1848, zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters, des Staats- und Finanzministers Caspar Detlev von Schulte, die Verwaltung der Güter Burgsittensen, Kuhmühlen und Vierden angetreten. Diese Arbeit überließ er jedoch nacheinander mehreren Inspektoren, denn er war selten anwesend, sondern sehr oft und ausgiebig auf Reisen. Bei diesen Gelegenheiten muss er sein Geld, das er reichlich einnahm durch die Ablösungen der Meyerpflichten und –zinsen ( Spezialteilung und Verkopplung um 1839), mit vollen Händen verprasst haben, denn ab 1871 konnte er sich keinen Inspektor mehr leisten. Er verlebte und verspielte nicht nur diese Summe ( 130 000 Rthl sollen es gewesen sein), sondern musste auch noch seinen gesamten Besitz von ca. 1300 ha verkaufen.

Im April 1880 ersteigerte die Klosterkammer Hannover die gesamten Liegenschaften für 880000 Mark. Das Gut Vierden war wie Kuhmühlen bis 1884 verpachtet. Die Klosterkammer versuchte das Gut zu verkaufen. Da aber lediglich 36 000 Mark geboten wurden, wurden Teile der Ländereien parzelliert und zunächst an Anbauern verkauft. Bei diesen Ländereien handelte es sich um ( Zitat): Das Ackerland vor und im Dorfe; das Moor; und die von Duwock reinen Wiesen ( Duwock = Sumpfschachtelhalm, Pflanze, die auf staunassen Böden der Küstenregion vorkommt), östlich der Allee und eine Ecke Heide, parzelliert und mit den Gebäuden, die baufällig waren, das Wohnhaus, die Dreschscheune, Kornscheune, Schafstall, und das Häuslingshaus ( Zitatende). Der größte Teil wurde aufgeforstet; das ist das heutige Vierdener Holz – auch Vierdel genannt. Neben landwirtschaftlichen Flächen, z. B. westlich vom Alleeweg gelegen, und dem Thörenwald untersteht das Vierdener Holz z. Zt. dem Forstamt Rotenburg.